Sonntag, 1. August 2010

Ein natürliches Spektrum

Man kann alle erdenklichen Verhaltensmuster und Erlebnisweisen durch Hypnotisierung hervorrufen, auch solche, die von der Psychiatrie als Symptome einer psychischen Krankheit gedeutet werden. Man kann diese Phänomene bei Personen auslösen, die außerhalb des hypnotischen Zustandes keinerlei Anzeichen einer "psychischen Krankheit" erkennen lassen.

Man kann durch Hypnotisierung visuelle und akustische Halluzinationen auslösen, sogar Wahnvorstellungen, Zwänge, Ängste, was auch immer. Dazu sind keine Drogen erforderlich, die sich auf die Funktionsweise des Gehirns auswirken. Es genügen die Stimme und die Worte des Hypnotiseurs.

Daraus folgt im Grunde zwingend, dass das Vorhandensein solcher "Symptome" keineswegs auf eine "psychische Krankheit" hindeuten muss. Wenn man nun die Diagnose der "psychischen Krankheit" nur vom Vorhandensein solcher "Symptome" abhängig macht (genau dies tun die psychiatrischen Diagnose-Schemata), dann handelt man unwissenschaftlich.

Die angeblichen Symptome gehören zum natürlichen Spektrum der Leistungsformen des menschlichen Gehirns bzw. des Mind/Brain-Systems. Wenn jemand sie im Übermaß zeigt, dann ist das nicht etwa Ausdruck einer Krankheit, sondern eine Abweichung von der Norm, die auf einem individuellen Präferenzsystem beruht. Dieses Präferenzsystem entspricht der Identität des Individuums, dessen Individualität sich in einem spezifischen Lebensstil manifestiert.

Lebensstil hat hier nichts mit "Lifestyle" im Sinne einer bestimmten Konsumentenhaltung zu tun, sondern ich gebrauche diesen Begriff im Sinne des Psychotherapeuten Alfred Adler, der die spezifische Finalität des individuellen Handelns als Lebensstil bezeichnete. Finalität, das Spektrum der Lebensziele beruht auf Vorlieben und Abneigungen, die sich, vermutlich auf genetischer Grundlage, durch Erfahrung, durch Lebenspraxis herausgebildet haben. Sie sind die Spur, die das Leben in unserer Seele hinterlassen hat - Vorlieben und Abneigungen sind keine Symptome von Krankheiten.

Samstag, 31. Juli 2010

Krankheit, Lebensstil, Präferenzen

Die so genannten psychischen Krankheiten sind Lebensstile, die in rätselhafter Weise von sozialen Normen abweichen, die Probleme für die Akteure und deren Umfeld aufwerfen und die mitunter riskant sind. Lebensstile beruhen auf Präferenzmustern, sind Ausdruck von Individualität, sind die Weise, in der sich Persönlichkeiten entfalten. Sie beruhen auf Lernprozessen, die in frühester Kindheit beginnen.
Genetische Dispositionen können eine Rolle spielen, aber kein Lebensstil entwickelt sich allein auf Grundlage einer genetischen Dispostion ohne Interaktionen mit anderen Menschen. In diesen Interaktionen bilden sich aus sporadischen Vorlieben und Abneigungen relativ stabile Präferenzmuster, auf deren Grundlage sich dann ein Verhaltensrepertoire herauskristallisiert, das diesen Präferenzmustern entspricht.

Der entscheidende Faktor ist das Präferenzmuster, das man sich als ein multidimensionales "Koordinatensystem" von Vorlieben und Abneigungen vorstellen darf. Vorlieben und Abneigungen sind Weisen des In-der-Welt-Seins, für die es keine objektiven, allgemein verbindlichen Maßstäbe gibt. Man kann dem Fritz nicht anhand einer mathematischen Gleichung ausrechnen, ob er die Lisa oder die Frieda lieben soll. Daher kann man auch die Liebe Fritzens, wenn sie der Lisa gilt, nicht als krank bezeichnen, nur weil man die Frieda für liebenswerter hält oder meint, sie passe besser zu Fritz. Fritz liebt nun einmal die Lisa, und das war's. Diese Einsicht kann man nun auf alle Vorlieben und Abneigungen verallgemeinern. Daher sind auch die Lebensstile, die immer auf Präferenzmustern beruhen, niemals krank. Sie mögen sozialschädlich, sie mögen selbst- oder fremdgefährdend sein - krank sind sie jedenfalls nicht.

Krankheit ist ja ein Begriff der medizinischen Wissenschaft. Als solche beansprucht sie Objektivität. Da aber Präferenzmuster pure Subjektivität sind, entziehen sie sich der Wissenschaft. Wird auf sie dennoch der Begriff der Krankheit angewandt, dann wird Etikettenschwindel betrieben. Eine moralische Abwertung tarnt sich als wissenschaftlich fundierte Diagnose. Das halte ich für verwerflich.

Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass die Gesellschaft jedes Verhalten hinnehmen müsste, das auf problematischen Lebensstilen beruht. Doch hier muss Pragmatismus walten. Dieser kann sich nur auf einer sauberen Begrifflichkeit entfalten. Nur so ist die in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft geforderte Transparenz staatlicher Maßnahmen zu gewährleisten. Das sollte eigentlich einleuchten. Man geht nicht zum Schuster, wenn man Brötchen kaufen möchte. Und man ruft nicht den Arzt, wenn es um problematische Lebensstile geht.

Ein Etikett zur Angstreduktion

Eine wichtige Funktion des Etiketts der „psychischen Krankheit“ ist die der Angstbewältigung durch Pseudo-Erklärung. Dies ist ein sehr häufiges Phänomen, nicht nur in diesem Bereich. Eine weitere, damit zusammenhängende Funktion ist die Gewissensentlastung bis hin zur Legitimation von Zwangsmaßnahmen zum „Wohle des Patienten“. Dies ist eine vordergründige Funktion, die sofort ins Auge springt. Sie erklärt aber nicht, warum Menschen, die weder selbst betroffenen sind, noch indirekt durch Freunde, Bekannte, Verwandte etc., sich dennoch an diesen Begriff klammern als sei er die sprichwörtliche Planke des Ertrinkenden. Hier spielt in der Tat der Mechanismus der Angstbewältigung durch Pseudo-Erklärung eine entscheidende Rolle. Es hat eine entlastende Funktion, einem potenziell bedrohlichen Phänomen eine vermeintliche Ursache zuzuschreiben, von der man glaubt, dass sie beeinflussbar sei (“Heilung“ der „Krankheit“ durch „Ärzte“).

Die psychiatrischen Diagnosen sind Pseudo-Erklärungen, denn sie beziehen sich auf Verhaltensweisen, deren Ursachen, trotz mehrerer Jahrhunderte psychiatrischer Forschung, immer noch unbekannt sind. Wird also beispielsweise behauptet, ein Mensch verhalte sich so oder so, weil er schizophren sei, so bedeutet dies ihm Klartext, es sei unbekannt, warum er sich so oder so verhalte.

Die Funktion der Angstreduktion hat die „Ursache“ demgemäß nur so lange, wie sie nicht als tatsächliche Ursache in Frage gestellt wird. Das Dumme ist nur, dass solche Abwehrreaktionen zwar kurzfristig wirksam sind im Sinne einer Angstreduktion, langfristig aber das Problem durch Reflexionsvermeidung verschlimmern. Das heißt: Langfristig nimmt die Furcht vor dem angstauslösenden Objekt durch Abwehrmechanismen noch zu. So ist es auch zu erklären, warum viele Menschen „psychisch Kranke“, vor allem aber die so genannten Schizophrenen (Psychotiker) für besonders gefährlich halten, obwohl statistisch erwiesen ist, dass sie nicht gefährlicher sind als die so genannten Normalen.

Jeder Durchschnittsbürger, der hin und wieder einmal unter Alkoholeinfluss Auto fährt, stellt tendenziell eine größere Gefahr für die Allgemeinheit dar als ein abstinenter Schizophrener. Derartiges Wissen ist mitunter sogar Menschen schwer zu vermitteln, die ansonsten durchaus rational denken können. Hier spielt der Mechanismus der Angstvermeidung durch Pseudo-Erklärung und dessen langfristig angstverstärkenden Wirkungen eine erhebliche Rolle.

Dienstag, 4. Mai 2010

Jäger und Sammler

Es gibt in Deutschland ein Grundmuster, nämlich das Grundgesetz, an dem sich alle anderen Muster zur Problemlösung messen lassen müssen. Aus meiner Sicht ist das Muster "Psychische Krankheit" nicht verfassungskonform. Es entspricht dem vordemokratischen Bild (Muster) des Untertanen, der kujoniert werden darf, wenn er nicht der Norm entspricht. Dem Untertanen wird nur eine begrenzte Autonomie zugebilligt, und er kann selbst diese begrenzte Autonomie dauerhaft verwirken, wenn er gegen Normen verstößt. Man hält ihn im Prinzip für unfähig zur Selbstbestimmung. Er ist im Kern ein wildes Tier, das durch strenge Zucht in der Spur gehalten werden muss.
Wer sich dieser Zucht nicht fügt, beweist damit, dass sich das Archaische in ihm nicht zügeln lässt und dass es deswegen der eingeschränkten Privilegien verlustig geht, die man dem Untertanen wohlmeinend auf Widerrruf einräumt. Wer sich, in für andere rätselhafter Weise, deviant zeigt und wer keine starken sozialen Netzwerke verfügt, wer zudem arm ist, der muss sich, dem Muster des Untertanen entsprechend, zum "Neger", zum "Indianer", zum Wilden herabstufen und sich psychiatrisch kolonisieren lassen.

Manche meinen ja, die Existenz der "psychischen Krankheiten" sei durch die moderne Neuro-Wissenschaft bewiesen. Im Jahr 2004 veröffentlichten elf führende Neuro-Wissenschaftler (Monyer, Rösler, Roth, Scheich, Singer, Eiger, Friederici, Koch, Luhmann, van der Malsberg, Menzel) ein Manifest in der Zeitschrift Gehirn & Geist (Heft 6). Dort heißt es: "Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als "seine" Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen. Mehr noch: Es ist überhaupt nicht klar, wie man dies mit den heutigen Mitteln erforschen könnte. In dieser Hinsicht befinden wir uns gewissermaßen noch auf dem Stand von Jägern und Sammlern." (Seite 33).
Wer unter diesen Bedingungen behauptet, das Konzept der "psychischen Krankheit" sei neuro-wissenschaftlich abgesichert, der setzt sich aus meiner Sicht dem Verdacht aus, ein Hochstapler oder ein Dummkopf zu sein. Selbstverständlich befindet sich auch die Psychiatrie neuro-wissenschaftlich auf dem Stand von Jägern und Sammlern - und da erstaunt es dann auch nicht, dass diese dem magischen Konzept der "psychischen Krankheit" anhängen.