Sonntag, 1. März 2009

Verursachen psychische Traumata "psychische Krankheiten"?

Die zeitgenössische Psychiatrie ist heute "biologisch" orientiert. Sie fasst die so genannten psychischen Krankheiten als Störungen des Nervensystems auf. Diese beruhen angeblich auf einer genetischen Grundlage.

Einige Psychiater und andere Psycho-Gewerbler relativieren dieses Konzept. Viele, wenn nicht alle dieser Störungen würden durch psychische Traumata verursacht. Ob ein psychisches Trauma zu einer psychischen Störung führe, hänge dann aber ebenfalls von einer genetischen Disposition ab. So sollen beispielsweise psychische Traumata zu einer Dissoziativen Identitätsstörung führen, wenn der Traumatisierte eine angeborene starke "Dissoziationsneigung" besitzt.

Es gibt - wie eigentlich fast immer in der Pseudo-Wissenschaft "Psychiatrie" - keine methodisch sauberen empirischen Beweise für diese These. Deswegen ist es sicher sinnvoll, Gegenthesen gedanklich durchzuspielen.

Ein psychisches Trauma ist, wie der Name schon sagt, eine Verletzung der Seele. Die Seele aber ist das Gesamt der Geschichten, die wir uns selbst und anderen über uns selbst und unsere Welt erzählen. Diese Geschichten wachsen meist nicht allein auf unserem eigenen Mist, wir orientieren uns auch an dem, was andere über uns im Besonderen und die Menschen im Allgemeinen erzählen. Dies gilt insbesondere für kleine Kinder, die erst ab dem Augenblick eine Seele haben, von dem an sie die Erzählungen von signifikanten Erwachsenen (Mutter) über sich verstehen und verinnerlichen können ("Du bist mein kleiner Liebling!").

Wie kann man aber eine Seele verletzen, wenn diese eine Gesamtheit bestimmter Geschichten ist? Dass es sich dabei nicht um eine Verletzung im medizinischen Sinne handelt, dürfte eigentlich klar sein. Man kann keine Wunden in Geschichten schlagen - allenfalls im metaphorischen Sinn.
Eine seelische Verletzung bedeutet, dass die Stimmigkeit einer Lebensgeschichte fundamental in Frage gestellt wird. Wenn beispielsweise die Mutter, die bisher immer sagte: "Du bist mein kleiner Liebling", plötzlich sagt: "Du verdammter Bastard, ich bring dich um", dann ist dies keine Verletzung der Psyche im medizinischen Sinne (selbst wenn sie das Kind körperlich misshandelt), sondern dann stellt dies die Stimmigkeit der Geschichte, die das Kind sich selbst und anderen über sich selbst und seine Welt erzählt, radikal in Frage.

Die Geschichten, die wir uns selbst über uns selbst und unsere Welt erzählen, sind kein bloßer Zeitvertreib. Sie sind notwendig. Mit ihnen versuchen wir, unserem Leben einen Sinn und unserem Selbst einen Inhalt zu geben. Wir können ohne solche Geschichten kein Selbst in einer sinnvollen Welt sein. Wird also die Stimmigkeit solcher Geschichten durch eine psychische Verletzung radikal in Frage gestellt, dann sind wir darauf angewiesen, diese Stimmigkeit so schnell wie möglich wiederherzustellen. Deswegen sind Menschen nach einer "psychischen Traumatisierung" aufnahmefähig wie ein Schwamm, höchstgradig suggestibel. Jedes Etikett bleibt haften. Die Mutter misshandelt das Kind und sagt: "Du kleiner Bastard, du schlägst doch ganz und gar nach deinem Vater. Du landest auch mal im Suff, so wie der!", dann bleibt dieses Etikett mit hoher Wahrscheinlichkeit kleben - und nicht nur äußerlich: Es wird in der einen oder anderen Form in die Lebensgeschichte integriert und fördert die Entwicklung von Lebensbewältigungsstrategien, die mit dieser neu formulierten Lebensgeschichte übereinstimmen.
Später können dann die psychiatrischen Diagnosen sich auf wundersame Weise an derartige frühe Etikettierungen anschließen und zu weiteren Motoren selbsterfüllender Prophezeiungen werden.
"Psychische Traumata" verursachen aus dieser Sicht also keine "psychischen Krankheiten", sondern sie machen empfänglich für Etikettierungen, zu denen auch das perfide Etikett "psychisch krank" zählt. Es ist perfide, weil es suggeriert, dass ein von außen aufgezwungener mentaler Prozess einer Eigendynamik (nämlich der einer Krankheit auf genetischer Grundlage) unterliege. Solche Etiketten zu verpassen, ist abscheulich.

Gruß
Heinz

Der Mythos von der "guten" und der "bösen" Psychiatrie

Geheimdienste, militärische Spezialeinheiten und auch manche besonders hartgesottene Polizeitruppen praktizieren in Verhören mitunter die Methode des "guten" und des "bösen" Verhörers. Der "böse Verhörer" ist brutal, er schlägt und foltert die Betroffenen und lässt nichts unversucht, sie in tiefste Verzweiflung zu stürzen. Der "gute Verhörer" hingegen ist verständnisvoll, sorgt sich um den Verhörten und weckt Hoffnung - die dann natürlich vom "bösen Verhörer" zunichte gemacht wird. Beide Verhörer sind Teil desselben Systems, doch die Methode wirkt dennoch. Je extremer der Stress ist, den der "böse Verhörer" hervorruft, desto intensiver ist das Bedürfnis des Verhörten, daran zu glauben, dass der "gute Verhörer" tatsächlich gut sei und helfen wolle.

Manche Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung unterscheiden zwischen der "guten" und der "bösen" Psychiatrie. Die "böse" Psychiatrie wird mit Psychopharmaka,Elektroschocks, Fixierung etc., also mit Brutalität, Zwang und Gewalt identifiziert, während die "gute" Psychiatrie für Psychotherapie und soziale Hilfen steht. Die "böse" psychiatrische Ideologie ist aus dieser Sicht die Vorstellung, die psychischen Krankheiten seien Ausdruck eines chemischen Ungleichgewichts im Gehirn und dieses sei weitgehend angeboren. Entsprechend besteht die Glaubenslehre der "guten" Psychiatrie darin, dass psychische Traumata (sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung, emotionale Vernachlässigung) die psychische Krankheit ausgelöst hätten.

Die Psychiatrie, die mit Psychopharmaka arbeitet, und die Psychotherapie sind natürlich Bestandteile desselben Systems. Aber viele Betroffene vermögen dies nicht zu erkennen. Je extremer der Stress ist, den die "biologistische" Psychiatrie hervorruft, desto intensiver ist das Bedürfnis der Behandelten, daran zu glauben, dass die Psychotherapie tatsächlich gut sei und helfen wolle.

Da aber die Psychotherapie integraler Bestandteil des psychiatrischen Systems ist, gehorcht sie auch der Logik dieses Systems und erfüllt dessen Aufgabe. Diese besteht darin, bestimmte Formen sozialer Devianz zu kontrollieren, die nicht kriminell sind oder wegen "Schuldunfähigkeit" als nicht kriminell gelten und deren Sinn die Mehrheit der Bevölkerung nicht versteht. Daher gibt es nicht die "gute" und die "böse" Psychiatrie. Die Psychiatrie ist schlicht und ergreifend die Institution in unserer Gesellschaft, der die Aufgabe obliegt, die oben beschriebenen Formen sozialer Devianz zu kontrollieren.

Man kann die Tätigkeit der Psychiatrie durchaus als Gehirnwäsche bezeichnen und im Falle des Zwangs auch als Folter - jedoch muss man sich vor Augen halten, dass diese Etikettierungen juristisch keinen Bestand haben - denn die Tätigkeit der Psychiatrie ist legal, beruht auf gesetzlicher Grundlage. Würde man diese gesetzliche Grundlage zum Gegenstand einer Volksbefragung machen, so stünde zu befürchten, dass sie von einer deutlichen Mehrheit der Bevölkerung legitimiert würde.

Dies bedeutet freilich nicht, dass die gesetzliche Grundlage auch mit dem Grundgesetz und den Menschenrechten vereinbar sei. Daran wurden begründete Zweifel vorgetragen, die aber - jedenfalls im Augenblick - von der überwiegenden Mehrzahl kompetenter Juristen nicht geteilt werden. Aus meiner Sicht beruht die Mehrheitsmeinung unter Juristen ebenso wie die bereits erwähnte Haltung der Bevölkerungsmehrheit auf der Ideologie der "psychischen Krankheit", deren angebliche wissenschaftliche Basis von der "Psychiatrie" erarbeitet wurde.

Die diagnostischen Kriterien, die in den maßgeblichen psychiatrischen Klassifikationssystemen den "psychischen Krankheiten" zugeordnet werden, beziehen sich eindeutig auf Verhaltensweisen bzw. auf Abweichungen dieser Verhaltensweisen von sozialen Normen und Rollenerwartungen. Die moderne Psychiatrie versteht sich als Neuro-Psychiatrie und behauptet, dass diese Abweichungen auf Störungen des Nervensystems beruhten. Die Kriterien der Diagnose-Manuale beziehen sich aber nicht auf diese mutmaßlichen "chemischen Ungleichgewichte" im Gehirn, sondern es handelt sich bei den entsprechenden Diagnosen eindeutig und unzweifelhaft um moralische Urteile über menschliches Verhalten. Bestimmte Verhaltensmuster werden als "krank" etikettiert, aber die angeblichen "Krankheitssymptome" spielen bei den entsprechenden Diagnosen keine Rolle.

Diese Zweideutigkeit der Diagnostik ist ein klassisches Merkmal von Ideologie und von Pseudo Wissenschaft. "Pseudo" ist eine angebliche Wissenschaft, die den Anspruch der Wissenchaftlichkeit erhebt, ohne diesem Anspruch zu genügen. Die Pseudo-Wissenschaftlichkeit der Psychiatrie, sofern sie sich als empirische versteht, ist leicht nachzuweisen, wenn man die gängigen und vor allem die maßgeblichen empirischen Studien mit den Anforderungen vergleicht, die in den führenden Methodik-Lehrbüchern der experimentellen und quasi -experimentellen Forschung für die Wissenschaften vom menschlichen Verhalten und Erleben formuliert werden.

Es ist daher nicht sinnvoll. die Psychiatrie mit wissenschaftlichen Mitteln zu kritisieren, da die Psychiatrie trotzt des wissenschaftlichen Anstrichs keine Wissenschaft, sondern eine politische Institution ist.
Die betroffenen Laien, die zwischen einer guten und einer bösen Psychiatrie unterscheiden, sind einer adäquaten Haltung im Grunde näher als Intellektuelle und Wissenschaftler, die Psychiatrie mit Forschungsergebnissen und Studien "widerlegen" wollen. Da nämlich die Psychiatrie eine politische Veranstaltung ist, kann sie auch nur politisch und moralisch kritisiert werden. Psychiatriekritik ist nur als moralische /und/ politische Kritik sinnvoll. Ein "unpolitischer", rein moralischer Standpunkt legt eine Unterscheidung zwischen "guter" und "böser" Psychiatrie nahe - dieser wird aber durch die politische Funktionsbestimmung des psychiatrischen Systems ad absurdum geführt.

Man sollte die einleitende Passage dieses Textes, in dem ich eine Verhörmethode von Geheimdiensten und Geheimpolizeien schilderte, nicht als effekthascherischen Sarkasmus missdeuten. Derartige Praktiken - man denke an Guantanamo - sind ebenfalls nur politisch und moralisch zu kritisieren. Eine unpolitische, nur moralische Kritik unterscheidet ja auch nur zu leicht zwischen Folter, die den höheren Werten von Demokratie und Rechtsstaat dient und Folter, die den niedrigen Zwecken von Diktatoren und Gewaltherrschern entspricht. Aus politischer Sicht aber hat Folter immer die Funktion, einer bestimmten Moral mit Gewalt Geltung zu verschaffen, sie gegen eine andere Moral durchzusetzen. Sie kann daher nicht moralisch legitimiert werden, da sie ein Instrument ist, das sich /über/ die Moral stellt.

Die Moral, lies: unser Verhältnis zum Guten, ist aber stets der Kern unseres Versuchs, unserem Leben einen Sinn und unserem Selbst einen Inhalt zu geben. Dies trifft auf die Moral eines in Guantanamo einsitzenden Islamisten nicht mehr oder minder zu als auf einen in einer Zwangspsychiatrie einsetzenden "Schizophrenen". Und dies trifft selbstredend auch auf die Verhörspezialisten von Geheimpolizisten nicht minder zu als auf Psychiater in der Zwangspsychiatrie.

Es geht also um eine Politik des Sinns und des Irrsinns. In der Politik muss man Position beziehen, auch moralisch natürlich. Es geht darum, wer den Sinn unseres Daseins definiert, darum, inwiefern und inwieweit andere dies tun dürfen und welche Mittel dabei erlaubt und verboten sein sollen.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Multiple Persönlichkeit: Schwindel im Doppelpack

Wer Psychologie als empirische Wissenschaft betreiben will, kommt nicht umhin, zwei Ebenen menschlicher Tätigkeit zu unterscheiden, nämlich die Ebene des Verhaltens und die seiner Bedeutung. Dabei ist Bedeutung nicht identisch mit Funktion. Für den Biber erfüllt der Dammbau Funktionen, die sein Überleben sichern, aber er hat für ihn keine Bedeutung. Wenn Menschen einen Damm bauen, so erfüllt er ebenso Funktionen, die ihr Überleben sichern, aber Menschen können miteinander über Sinn und Zweck des Dammbaus kommunizieren. Dies kann der Biber nicht.

Was für die menschliche Tätigkeit im Allgemeinen gilt, trifft auch auf jene Verhaltensmuster zu, die als "psychische Krankheiten" oder "psychische Störungen" bezeichnet werden. Sie bestehen einerseits aus Verhaltensweisen, die von sozialen Normen, von Rollenerwartungen oder dem gängigen Realitätsverständnis abweichen. Andererseits aber werden diesen Verhaltensweisen Bedeutungen zugesprochen, über die man, wie beim Dammbau, unterschiedlicher Auffassung sein kann.

Früher beispielsweise wurde dem unmäßigen Trinken von Alkohol, das außer Kontrolle geraten war, die Bedeutung eines Charakterfehlers zugeschrieben oder man interpretierte dieses Verhalten als Folge der Besessenheit vom Saufteufel. Heute wird der Alkoholismus als Krankheit aufgefasst. Durch diese Veränderung der Interpretation des Verhaltens hat sich dieses selbst natürlich nicht gewandelt. Früher galt Homosexualität als Sünde, später als Krankheit, heute ist es eine legitime Variante des Sexuallebens.

Nicht jede Abweichung von sozialen Normen, Rollenerwartungen oder dem gängigen Wirklichkeitsverständnis wird als Krankheit gedeutet. Manche manchen mit den entsprechenden Verhaltensmustern Karriere als Patienten in der Psychiatrie, andere im Showgeschäft. Die Psychiatrie hat ein seismographisches Gespür für soziale Devianz, der die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung keinen Sinn abgewinnen kann.

Das ist oft eine Gratwanderung. Ein besessener Sammler wird u. U. noch toleriert, wenn seine Sammlung penibel aufgeräumt und geordnet ist. Herrscht in seiner vollgestopften Wohnung aber das Chaos, so spricht der Volkmund gern vom Vermüllungssyndrom und deutet durch die Verwendung des Begriffs "Syndrom" schon an, dass hier die Psychiatrie eingreifen müsste. Dazu ist die Psychiatrie gern bereit - und wenn der Sammler seiner Sammelwut auch noch eine Begründung gibt, die vom herrschenden Wirklichkeitsverständnis abweicht, dann holt sie ihre dickste begriffliche Keule hervor: Schizophrenie.

Die Schizophrenie gehört zu den Verhaltensmustern, bei denen die Psychiatrie für die Diagnose und das Konstrukt einer "psychischen Störung" verantwortlich ist, nicht aber für das Verhaltensmuster selbst. Den Vogel abgeschossen hat die Psychiatrie allerdings bei der sog. Multiplen Persönlichkeitsstörung. Hier hat sie nicht nur die Diagnose und das Störungskonzept frei erfunden, sondern auch das entsprechende Verhaltensmuster eigenhändig hervorgebracht.

Denn die psychiatrische Theorie, dass "Multiple Persönlichkeitsstörungen" die spontane Reaktion auf frühkindliche Traumatisierungen seien, kann als widerlegt betrachtet werden. Es gibt nicht den Hauch eines Beweises dafür, dass schwere Traumatisierungen kleine Kinder spontan dazu bringen, gleich mehrere Persönlichkeiten auszuprägen. Sie haben schon genug damit zu tun, eine einzelne Persönlichkeit zu entwickeln. Die kognitive und affektive Kapazität kleiner Kinder reicht nicht dazu aus, gleich mehrere Persönlichkeiten auszuprägen - zumal diese ja auch noch auf einer höheren Ebene des mentalen Funktionierens aufeinander abgestimmt sein müssen.

Es gibt jedoch zwei weitere Theorien der Ursachen "Multipler Persönlichkeitsstörungen", die sich belegen lassen. Die erste besagt, dass den Betroffenen diese "Erkrankung" aus ideologischen oder kommerziellen Gründen in der "Psychotherapie" suggeriert wurde.
Die zweitet lautet: Das der Diagnose entsprechende Verhalten wurde von Psychiatern im Dienste von Geheimdiensten und des Militärs mit psychiatrischen Methoden und Mitteln absichtlich hervorgerufen. Das Ziel bestand darin, "Mandschurische Kandidaten" zu produzieren, die jeden Befehl willenlos ausführen, und koste er auch das eigene Leben.

Diese zweite Theorie klingt beim ersten Hinhören zwar unglaublicher als jede andere, aber sie ist die am besten belegte von allen. Ja, Psychiater haben absichtlich sog. Multiple Persönlichkeitsstörungen" hervorgerufen - zumindest im Falle der Gehirnwäsche-Projekte des amerikanischen Geheimdienstes CIA steht des zweifelsfrei fest und lässt sich beweisen.

Mit der "Multiplen Persönlichkeitsstörung" schießt die Psychiatrie also den Vogel ab. Sie ist weder eine Krankheit, noch ist sie spontan entstanden. Sie wurde in jeder Hinsicht konstruiert. Wenn ein Mensch in Hypnose versetzt wird und den Befehl erhält, optisch oder akustisch zu halluzinieren, dann käme ja auch niemand auf die Idee, diese Halluzinationen als Symptom einer Schizophrenie zu deuten.

Wer Psychologie als empirische Wissenschaft betreiben will, kommt nicht umhin, zwei Ebenen menschlicher Tätigkeit zu unterscheiden, nämlich die Ebene des Verhaltens und die seiner Bedeutung. Dabei ist Bedeutung nicht identisch mit Funktion.

Mittwoch, 18. Februar 2009

Die Psychiatrie ist anachronistisch

In früheren Zeiten war die Medizin eng mit der Religion verbunden. Die Medizin war nicht allein für die Gesundheit des Körpers verantwortlich, sondern sie musste sich auch mit Fragen der rechten Lebensführung auseinander setzen. Dies sind aber ethische Fragen, die früher - und auch heute noch - in religiöse Geisteswelten eingebettet waren.

Heute aber hat sich die Medizin von den Religionen gelöst und erhebt den Anspruch, naturwissenschaftlich fundiert zu sein. In Demokratien sind Religionen, anders als in früheren Zeiten oder in heutigen "Theokratien", keine Staatsreligionen mehr, deren ethische Überzeugungen für alle Bürger verbindlich sind.

Die Psychiatrie beansprucht, ein Teil der Medizin zu sein. Sie ist im Kern aber eine Disziplin, die sich mit ethischen Fragen beschäftigt. Dies kann man unschwer erkennen, wenn man die Klassifikationssysteme psychiatrischer Diagnostik analysiert. Es gibt keine psychiatrische Diagnose, keine Diagnose einer "psychischen Krankheit", die nicht auf Werturteilen beruhte. Gefragt wird immer, ob beispielsweise eine Angst unangemessen, ob der Wunsch nach Anerkennung übertrieben, ob das zur Schau gestellte Selbstwertgefühl gerechtfertigt, ob eine Vorstellung der Wirklichkeit entspreche oder ein Wahn sei usw.

Hier handelt es sich um Kriterien, die nicht objektiv gemessen werden können. Wer wollte beispielsweise "messen" und anhand welcher "Kriterien", was ein Wahn sei? In finden sich daher in psychiatrischen Lehrbüchern auch keine Definitionen des "Wahns", die - abgesehen vielleicht von der verklausulierten Sprache - dem intellektuellen Niveau alkoholisierter Stammtische begründbar überlegen wären.

Der psychiatrische Mainstream ist sich offenbar bewusst, dass die psychiatrische Obsession von Werten und sozialen Normen sich nicht mit der allgemeinen Entwicklung in der Medizin verträgt, die sich den wertfreien Methoden der Naturwissenschaften verschrieben hat. Der Mainstream ist daher bemüht, seine "Erkenntnisse" naturwissenschaftlich zu fundieren. Dies geschieht üblicherweise dadurch, dass man Korrelate des normwidrigen Verhaltens im Nervensystem zu identifizieren versucht.

Damit soll der naturwissenschaftliche Status der Psychiatrie begründet und belegt werden, dass sie sich vom staatsreligiösen Denken emanzipiert habe. Nun ist es allerdings nicht weiter erstaunlich, dass normwidriges Verhalten mit dem Nervensystem korreliert, denn schließlich wird es ja nicht von reinen Geistwesen, sondern von Menschen aus Fleisch und Blut gezeigt. Durch diese kaum überraschende Tatsache wird also keineswegs der Bezug zu den sozialen Normen entkoppelt. Mit oder ohne neurologisches Korrelat werden die sog. psychischen Krankheiten über Abweichungen von sozialen Normen definiert. Diese aber entstehen nicht in den Gehirnen von psychisch Kranken, sondern sie sind soziale Konstrukte, die sich historisch entwickelt haben, und zwar unter kulturellen, ökonomischen und politischen Bedingungen, die nicht in medizinischen Kategorien sinnvoll analysiert werden können.

Daher können deviante Verhaltensmuster und Erlebnisformen keine Krankheiten sein, weil Krankheiten sich auf biologische Prozesse, nicht aber auf soziale Konstruktionen beziehen. Das beste Beispiel ist die "Homosexualität", die - vor noch nicht allzu langer Zeit - von der amerikanischen Psychiatrie-Vereinigung APA kraft Mehrheitsbeschluss als psychische Krankheit abgeschafft wurde. Man stelle sich Vergleichbares bei richtigen Krankheiten vor! Was würde beispielsweise mit den Teilnehmern eines Kongressen von Krebsforschern geschehen, wenn diese per Mehrheitsbeschluss den Darmkrebs als Krankheit abschaffen würden.

Nun werden aber mit der Diagnose einer psychischen Erkrankung Maßnahmen zur sozialen Kontrolle (Zwangseinweisungen, Zwangsbehandlungen) gerechtfertigt, die ohne diese Diagnose mit den Prinzipien eines Rechtsstaats und den Menschenrechten nicht vereinbar wären. Die Diagnose der "psychischen Krankheit" ist jedoch, wie gezeigt, ganz offensichtlich keine Diagnose, die mit der modernen, naturwissenschaftlich fundierten Medizin vereinbart wäre. Sie entspricht immer noch dem Denken einer Zeit, in der Medizin, Religion und weltliche Macht eine Einheit bildeten.

Daher ist die Psychiatrie ein Anachronismus. Sie kann deshalb auch nicht eine legitime Grundlage der Rechtssprechung in einem demokratischen, weltanschaulich neutralen Rechtsstaat sein.