Samstag, 31. Juli 2010

Krankheit, Lebensstil, Präferenzen

Die so genannten psychischen Krankheiten sind Lebensstile, die in rätselhafter Weise von sozialen Normen abweichen, die Probleme für die Akteure und deren Umfeld aufwerfen und die mitunter riskant sind. Lebensstile beruhen auf Präferenzmustern, sind Ausdruck von Individualität, sind die Weise, in der sich Persönlichkeiten entfalten. Sie beruhen auf Lernprozessen, die in frühester Kindheit beginnen.
Genetische Dispositionen können eine Rolle spielen, aber kein Lebensstil entwickelt sich allein auf Grundlage einer genetischen Dispostion ohne Interaktionen mit anderen Menschen. In diesen Interaktionen bilden sich aus sporadischen Vorlieben und Abneigungen relativ stabile Präferenzmuster, auf deren Grundlage sich dann ein Verhaltensrepertoire herauskristallisiert, das diesen Präferenzmustern entspricht.

Der entscheidende Faktor ist das Präferenzmuster, das man sich als ein multidimensionales "Koordinatensystem" von Vorlieben und Abneigungen vorstellen darf. Vorlieben und Abneigungen sind Weisen des In-der-Welt-Seins, für die es keine objektiven, allgemein verbindlichen Maßstäbe gibt. Man kann dem Fritz nicht anhand einer mathematischen Gleichung ausrechnen, ob er die Lisa oder die Frieda lieben soll. Daher kann man auch die Liebe Fritzens, wenn sie der Lisa gilt, nicht als krank bezeichnen, nur weil man die Frieda für liebenswerter hält oder meint, sie passe besser zu Fritz. Fritz liebt nun einmal die Lisa, und das war's. Diese Einsicht kann man nun auf alle Vorlieben und Abneigungen verallgemeinern. Daher sind auch die Lebensstile, die immer auf Präferenzmustern beruhen, niemals krank. Sie mögen sozialschädlich, sie mögen selbst- oder fremdgefährdend sein - krank sind sie jedenfalls nicht.

Krankheit ist ja ein Begriff der medizinischen Wissenschaft. Als solche beansprucht sie Objektivität. Da aber Präferenzmuster pure Subjektivität sind, entziehen sie sich der Wissenschaft. Wird auf sie dennoch der Begriff der Krankheit angewandt, dann wird Etikettenschwindel betrieben. Eine moralische Abwertung tarnt sich als wissenschaftlich fundierte Diagnose. Das halte ich für verwerflich.

Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass die Gesellschaft jedes Verhalten hinnehmen müsste, das auf problematischen Lebensstilen beruht. Doch hier muss Pragmatismus walten. Dieser kann sich nur auf einer sauberen Begrifflichkeit entfalten. Nur so ist die in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft geforderte Transparenz staatlicher Maßnahmen zu gewährleisten. Das sollte eigentlich einleuchten. Man geht nicht zum Schuster, wenn man Brötchen kaufen möchte. Und man ruft nicht den Arzt, wenn es um problematische Lebensstile geht.

Ein Etikett zur Angstreduktion

Eine wichtige Funktion des Etiketts der „psychischen Krankheit“ ist die der Angstbewältigung durch Pseudo-Erklärung. Dies ist ein sehr häufiges Phänomen, nicht nur in diesem Bereich. Eine weitere, damit zusammenhängende Funktion ist die Gewissensentlastung bis hin zur Legitimation von Zwangsmaßnahmen zum „Wohle des Patienten“. Dies ist eine vordergründige Funktion, die sofort ins Auge springt. Sie erklärt aber nicht, warum Menschen, die weder selbst betroffenen sind, noch indirekt durch Freunde, Bekannte, Verwandte etc., sich dennoch an diesen Begriff klammern als sei er die sprichwörtliche Planke des Ertrinkenden. Hier spielt in der Tat der Mechanismus der Angstbewältigung durch Pseudo-Erklärung eine entscheidende Rolle. Es hat eine entlastende Funktion, einem potenziell bedrohlichen Phänomen eine vermeintliche Ursache zuzuschreiben, von der man glaubt, dass sie beeinflussbar sei (“Heilung“ der „Krankheit“ durch „Ärzte“).

Die psychiatrischen Diagnosen sind Pseudo-Erklärungen, denn sie beziehen sich auf Verhaltensweisen, deren Ursachen, trotz mehrerer Jahrhunderte psychiatrischer Forschung, immer noch unbekannt sind. Wird also beispielsweise behauptet, ein Mensch verhalte sich so oder so, weil er schizophren sei, so bedeutet dies ihm Klartext, es sei unbekannt, warum er sich so oder so verhalte.

Die Funktion der Angstreduktion hat die „Ursache“ demgemäß nur so lange, wie sie nicht als tatsächliche Ursache in Frage gestellt wird. Das Dumme ist nur, dass solche Abwehrreaktionen zwar kurzfristig wirksam sind im Sinne einer Angstreduktion, langfristig aber das Problem durch Reflexionsvermeidung verschlimmern. Das heißt: Langfristig nimmt die Furcht vor dem angstauslösenden Objekt durch Abwehrmechanismen noch zu. So ist es auch zu erklären, warum viele Menschen „psychisch Kranke“, vor allem aber die so genannten Schizophrenen (Psychotiker) für besonders gefährlich halten, obwohl statistisch erwiesen ist, dass sie nicht gefährlicher sind als die so genannten Normalen.

Jeder Durchschnittsbürger, der hin und wieder einmal unter Alkoholeinfluss Auto fährt, stellt tendenziell eine größere Gefahr für die Allgemeinheit dar als ein abstinenter Schizophrener. Derartiges Wissen ist mitunter sogar Menschen schwer zu vermitteln, die ansonsten durchaus rational denken können. Hier spielt der Mechanismus der Angstvermeidung durch Pseudo-Erklärung und dessen langfristig angstverstärkenden Wirkungen eine erhebliche Rolle.

Dienstag, 4. Mai 2010

Jäger und Sammler

Es gibt in Deutschland ein Grundmuster, nämlich das Grundgesetz, an dem sich alle anderen Muster zur Problemlösung messen lassen müssen. Aus meiner Sicht ist das Muster "Psychische Krankheit" nicht verfassungskonform. Es entspricht dem vordemokratischen Bild (Muster) des Untertanen, der kujoniert werden darf, wenn er nicht der Norm entspricht. Dem Untertanen wird nur eine begrenzte Autonomie zugebilligt, und er kann selbst diese begrenzte Autonomie dauerhaft verwirken, wenn er gegen Normen verstößt. Man hält ihn im Prinzip für unfähig zur Selbstbestimmung. Er ist im Kern ein wildes Tier, das durch strenge Zucht in der Spur gehalten werden muss.
Wer sich dieser Zucht nicht fügt, beweist damit, dass sich das Archaische in ihm nicht zügeln lässt und dass es deswegen der eingeschränkten Privilegien verlustig geht, die man dem Untertanen wohlmeinend auf Widerrruf einräumt. Wer sich, in für andere rätselhafter Weise, deviant zeigt und wer keine starken sozialen Netzwerke verfügt, wer zudem arm ist, der muss sich, dem Muster des Untertanen entsprechend, zum "Neger", zum "Indianer", zum Wilden herabstufen und sich psychiatrisch kolonisieren lassen.

Manche meinen ja, die Existenz der "psychischen Krankheiten" sei durch die moderne Neuro-Wissenschaft bewiesen. Im Jahr 2004 veröffentlichten elf führende Neuro-Wissenschaftler (Monyer, Rösler, Roth, Scheich, Singer, Eiger, Friederici, Koch, Luhmann, van der Malsberg, Menzel) ein Manifest in der Zeitschrift Gehirn & Geist (Heft 6). Dort heißt es: "Nach welchen Regeln das Gehirn arbeitet; wie es die Welt so abbildet, dass unmittelbare Wahrnehmung und frühere Erfahrung miteinander verschmelzen; wie das innere Tun als "seine" Tätigkeit erlebt wird und wie es zukünftige Aktionen plant, all dies verstehen wir nach wie vor nicht einmal in Ansätzen. Mehr noch: Es ist überhaupt nicht klar, wie man dies mit den heutigen Mitteln erforschen könnte. In dieser Hinsicht befinden wir uns gewissermaßen noch auf dem Stand von Jägern und Sammlern." (Seite 33).
Wer unter diesen Bedingungen behauptet, das Konzept der "psychischen Krankheit" sei neuro-wissenschaftlich abgesichert, der setzt sich aus meiner Sicht dem Verdacht aus, ein Hochstapler oder ein Dummkopf zu sein. Selbstverständlich befindet sich auch die Psychiatrie neuro-wissenschaftlich auf dem Stand von Jägern und Sammlern - und da erstaunt es dann auch nicht, dass diese dem magischen Konzept der "psychischen Krankheit" anhängen.

Ein hohe Dosis ICD

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie vielleicht psychisch krank sein könnten. Machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe hier ein Medikament, das Sie kurieren wird: ICD. Das ist das Klassifikationssystem aller Krankheiten, und in diesem System werden auch die psychischen Krankheiten erfasst. Man kann es aber nicht nur zum Diagnostizieren benutzen. Von diesem Diagnoseschema gehen im Falle der psychischen Krankheiten unmittelbar heilsame Wirkungen aus. Man muss es einfach nur lesen.

Eine Dosis ICD gefällig?

„F30.0 Hypomanie
Eine Störung, charakterisiert durch eine anhaltende, leicht gehobene Stimmung, gesteigerten Antrieb und Aktivität und in der Regel auch ein auffallendes Gefühl von Wohlbefinden und körperlicher und seelischer Leistungsfähigkeit. Gesteigerte Geselligkeit, Gesprächigkeit, übermäßige Vertraulichkeit, gesteigerte Libido und vermindertes Schlafbedürfnis sind häufig vorhanden, aber nicht in dem Ausmaß, dass sie zu einem Abbruch der Berufstätigkeit oder zu sozialer Ablehnung führen. Reizbarkeit, Selbstüberschätzung und flegelhaftes Verhalten können an die Stelle der häufigen euphorischen Geselligkeit treten. Die Störungen der Stimmung und des Verhaltens werden nicht von Halluzinationen oder Wahn begleitet.
F30.1 Manie ohne psychotische Symptome
Die Stimmung ist situationsinadäquat gehoben und kann zwischen sorgloser Heiterkeit und fast unkontrollierbarer Erregung schwanken. Die gehobene Stimmung ist mit vermehrtem Antrieb verbunden, dies führt zu Überaktivität, Rededrang und vermindertem Schlafbedürfnis. Die Aufmerksamkeit kann nicht mehr aufrechterhalten werden, es kommt oft zu starker Ablenkbarkeit. Die Selbsteinschätzung ist mit Größenideen oder übertriebenem Optimismus häufig weit überhöht. Der Verlust normaler sozialer Hemmungen kann zu einem leichtsinnigen, rücksichtslosen oder in Bezug auf die Umstände unpassenden und persönlichkeitsfremden Verhalten führen.
F30.2 Manie mit psychotischen Symptomen
Zusätzlich zu dem unter F30.1 beschriebenen klinischen Bild treten Wahn (zumeist Größenwahn) oder Halluzinationen (zumeist Stimmen, die unmittelbar zum Betroffenen sprechen) auf. Die Erregung, die ausgeprägte körperliche Aktivität und die Ideenflucht können so extrem sein, dass der Betroffene für eine normale Kommunikation unzugänglich wird.“

Hier sieht man, dass die Psychiatrie eine echte Wissenschaft ist, objektiv und moralisch neutral. Doch Scherz beiseite: So etwas ohne Bezug auf soziale Normen zu diagnostizieren, ist schlechterdings unmöglich. Neurologische Parameter spielen offensichtlich keine Rolle. Dafür aber solche streng medizinischen Größen wie übermäßige Vertraulichkeit, Selbstüberschätzung, flegelhaftes Verhalten, Größenideen, übersteigerter Optimismus, normale soziale Hemmungen, leichtsinniges, rücksichtsloses Verhalten, Wahn etc. Es gehört schon ein beachtliches Maß an Dreistigkeit dazu, so definierte Verhaltensmuster als „Krankheiten“ zu verkaufen. Das ist offensichtlich keine Medizin, das ist Politik. Und das ist Politik, die, wie ich meine, in einem freiheitlich demokratischen Rechtsstaat nichts zu suchen hat.

Noch eine Dosis ICD nötig?

„F20 Schizophrenie
Die schizophrenen Störungen sind im Allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie inadäquate oder verflachte Affekte gekennzeichnet. Die Bewusstseinsklarheit und intellektuellen Fähigkeiten sind in der Regel nicht beeinträchtigt, obwohl sich im Laufe der Zeit gewisse kognitive Defizite entwickeln können. Die wichtigsten psychopathologischen Phänomene sind Gedankenlautwerden, Gedankeneingebung oder Gedankenentzug, Gedankenausbreitung, Wahnwahrnehmung, Kontrollwahn, Beeinflussungswahn oder das Gefühl des Gemachten, Stimmen, die in der dritten Person den Patienten kommentieren oder über ihn sprechen, Denkstörungen und Negativsymptome.

Der Verlauf der schizophrenen Störungen kann entweder kontinuierlich episodisch mit zunehmenden oder stabilen Defiziten sein, oder es können eine oder mehrere Episoden mit vollständiger oder unvollständiger Remission auftreten....“

Es ist unmöglich, Konzepte oder Maßstäbe der genannten „psychopathologischen“ Phänomene zu entwickeln, die sich nicht auf soziale Normen beziehen. Die außergewöhnlichen Erfahrungen des Betroffenen gelten als „psychopathologisch“, weil sie „nicht normal“ sind, weil sie den Wirklichkeitsauffassungen der überwiegenden Mehrheit der Menschen widersprechen. Abweichungen von Wirklichkeitsauffassungen sind aber keine Krankheit, denn die Wirklichkeit ist keine medizinische Größe, sondern eine gesellschaftliche Konstruktion. Siehe: http://tinyurl.com/5me3wk
Wer gravierend von gesellschaftlich konstruierten, vorherrschenden Wirklichkeitsauffassungen abweicht, stellt die gesellschaftliche Sinnstiftung in Frage, er stört, und fällt daher der moralischen Verurteilung anheim. Die Psychiatrie ist die institutionalisierte Form dieser gesellschaftlichen „Schutzfunktion“ oder, um es psychoanalytisch zu wenden, dieser gesellschaftlichen Abwehr-Formation.

O. K. - falls das immer noch nicht reicht:

„F40.1: Soziale Phobien -
Furcht vor prüfender Betrachtung durch andere Menschen, die zu Vermeidung sozialer Situationen führt. Umfassendere soziale Phobien sind in der Regel mit niedrigem Selbstwertgefühl und Furcht vor Kritik verbunden. Sie können sich in Beschwerden wie Erröten, Händezittern, Übelkeit oder Drang zum Wasserlassen äußern. Dabei meint die betreffende Person manchmal, dass eine dieser sekundären Manifestationen der Angst das primäre Problem darstellt. Die Symptome können sich bis zu Panikattacken steigern.“

Es dürfte wohl kaum zu bestreiten sein, dass fast jeder Mensch hin und wieder Furcht vor prüfender Betrachtung durch andere Menschen empfindet. Es wird aber erwartet, dass man diese Furcht in Grenzen hält und deswegen nicht soziale Situationen vermeidet. Gelingt dies nicht, so ist man nach dieser Diagnose „psychisch krank“, und zwar F40.1. F40.1 bezieht sich also eindeutig auf eine der sozialen Normen, die den zwischenmenschlichen Umgang regeln. Diese Norm lautet: Du sollst dich nicht so sehr vor der Bewertung durch andere fürchten, dass du dich sozial isolierst.
Den direkten Bezug zur sozialen Devianz kann man für jede andere Diagnose ebenfalls leicht nachweisen. Wenn also Psychotherapie eine Behandlung von „psychischen Krankheiten“ nach ICD oder DSM ist, dann ist sie eine Korrektur sozialer Devianz – und zwar überall dort, wo derartige Diagnose- Schemata zur Grundlage dieses Geschäftszweiges gemacht werden. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Wie ich also an diversen Beispielen zeigen konnte, beurteilen die verbindlichen Diagnose-Schemata der Psychiatrie ausschließlich die soziale Konformität mutmaßlich „psychisch Kranker“. Nun könnte man natürlich argumentieren – und die Psychiatrie argumentiert auch so -, dass Störungen des Nervensystems für die soziale Devianz der Betroffenen verantwortlich seien. Doch dies ist nicht mehr als eine fragwürdige Hypothese.

Warum?

Vorausschicken möchte ich zunächst, dass selbstverständlich das Verhalten der Menschen, die angeblich unter einer psychischen Krankheit leiden, körperliche Ursachen hat. Dies ist trivial, weil das Verhalten aller Menschen körperliche Ursachen hat, ganz gleich, ob sie als psychisch krank diagnostiziert wurden oder nicht. Es wäre also zu begründen, warum die neurologischen Prozesse, die dem normalen Verhalten zugrunde liegen, gesund seien und die neurologischen Prozesse, die dem normabweichenden Verhalten zugrunde liegen, krank. Nimmt man dies ohne weitere Argumente als gegeben an, dann heißt das im Klartext: Normabweichendes Verhalten beruht auf kranken neurologischen Prozessen, weil es von der Norm abweicht.

Nun gibt es natürlich eine große Zahl von empirischen Studien, die bei als psychisch krank diagnostizierten Menschen Abweichungen neurologischer Parameter feststellen. Dazu merke ich an:

1. Diese Studien sind uneinheitlich. Im Lichte der empirischen Forschung kann keine der gängigen Hypothesen als erhärtet betrachtet werden. Siehe: http://tinyurl.com/245yy6

2. Diese Studien sind weitgehend methodisch weich und erlauben keine Kausalschlüsse. Es handelt sich dabei nämlich in aller Regel um Korrelationsstudien. Korreliert werden neurologischen Parameter mit psychiatrischen Diagnosen. Die Validität der psychiatrischen Diagnosen (es handelt sich hier um psychiatrische, um klinische Urteile) ist zwangsläufig schlecht, weil ihre Reliabilität gering ist. Die Reliabilität stellt nämlich nach den Gesetzen der Logik und der Statistik die obere Grenze der Validität dar. Unter Reliabilität verstehen wir die Zuverlässigkeit einer Diagnose, die Genauigkeit, mit der sie misst, was sie misst. Die Validität ist demgegenüber die Übereinstimmung dessen, was gemessen wird, mit dem, was gemessen werden soll. Beispiel: Ein Fragebogen zur Aggressivität kann auch bei mehrmaliger Anwendung immer ähnliche Werte ergeben (er ist reliabel), aber er kann dennoch sehr schwach mit dem korrelieren, was gemessen werden soll, nämlich dem tatsächlichen aggressiven Verhalten. Wenn aber ein Test noch nicht einmal reliabel ist, dann kann er auch nicht valide sein.
Außerdem sind Korrelationen ohnehin nicht geeignet, Kausalannahmen zu begründen. Dies lernt man schon im ersten Semester, wenn man ein Fach studiert, in dem die Statistik eine wesentliche Hilfswissenschaft ist, wie z. B. Psychologie. Korrelieren nämlich zwei Messreihen A und B, dann gibt es drei grundsätzliche Möglichkeiten, die für diese Korrelation verantwortlich sein könnten, nämlich: A verursacht B; B verursacht A; oder eine nicht gemessene Drittvariable C ist für die Kovariation von A und B verantwortlich. Misst man also einen Zusammenhang eines neurologischen Parameters mit einer psychiatrischen Diagnose, dann sind beispielsweise folgende Interpretationen nicht auszuschließen:
  • Die neurologische Abweichung von der Norm verursachte eine verhaltensmäßige Abweichung von der sozialen Norm.
  • Die Diagnose führte zu einer bestimmten Behandlung (Medikation) und das Medikament rief die Abweichung des neurologischen Parameters hervor.
  • Das normabweichende Verhalten verursachte Stress und der Stress führte zu einer strukturellen Schädigung des Nervensystems.
  • Sowohl die psychiatrische Diagnose als auch die neurologische Besonderheit wurden durch Schichtzugehörigkeit, ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht oder andere Drittvariablen begünstigt.
Hier gibt es eine Vielzahl von Erklärungsmustern, die sich teilweise widersprechen und über die auf Basis von Korrelationsstudien nicht entschieden werden kann.
Die einzig methodisch saubere empirische Strategie bestünde in Studien mit eineiigen und getrennt aufgewachsenen Zwillingen. Die Zahl dieser Zwillinge ist aber gering und die Zahl derer aus diesem Kreis, die für Zwillingsforschungen zur Verfügung stehen, noch geringer. Die Zahl der eineiigen Zwillinge, die getrennt aufgewachsen sind, in unterschiedlichen sozialen Milieus, die bereit und in der Lage dazu sind, an Forschungen teilzunehmen und von den jeweils mindestens einer „psychisch Krank“ ist, diese Zahl ist so verschwindend gering, dass sie als Datenbasis für kausale Interpretationen nicht ausreicht.

3. Doch selbst wenn es gelänge, einen kausalen Zusammenhang zwischen neurologischen Parametern und bestimmten Mustern abweichenden Verhaltens nachzuweisen, so würde dies noch keineswegs bedeuten, dass es sich dann bei dieser sozialen Devianz um ein krankheitsbedingtes Phänomen handelt. Es ist ja, wie bereits betont, trivial, dass soziale Devianz auf neurologischen Prozessen beruht, weil eben jedes Verhalten auf neurologischen Prozessen beruht.
Es wurde beispielsweise festgestellt, dass Taxifahrer in London einen vergrößerten Hippocampus im Vergleich zur Normalbevölkerung haben. (http://news.bbc.co.uk/2/hi/677048.stm). Nun wissen wir, dass der Hippocampus auch ein Korrelat ist bei diversen Verhaltensmustern, die gern als „psychisch krank“ apostrophiert werden. Bedeutet dies also, dass Taxifahren in London eine „psychische Krankheit“ sei?

4. Im Grunde wäre ein Modell des gesunden, des naturgemäß funktionierenden menschlichen Nervensystems erforderlich, um eine Abweichung neurologischer Parameter als krankhaft zu bestimmen. Ein solches Modell gibt es aber nicht. Solange es dieses Modell nicht gibt, ist die Etikettierung sozialer Devianz als Krankheit willkürlich und wissenschaftlich unzulässig. Es handelt sich hier offensichtlich um eine politisch konstruierte „Krankheit“. Die Motive für derartige Konstruktionen sind durchsichtig.

5. Kann es überhaupt ein sinnvolles Modell des gesunden Nervensystems geben? Welche Maßstäbe sollten an ein solches Modell überhaupt angelegt werden? Soll gefragt werden, wie ein Nervensystem funktionieren müsste, das der menschlichen Natur entspricht? Was aber ist die menschliche Natur? Gibt es irgend etwas in der menschlichen Natur, das mir erlaubt, eindeutig zu entscheiden, ob neurologische Prozesse, die beispielsweise ein bestimmtes Wirklichkeitsverständnis hervorbringen, krank sind oder gesund? Gibt es beispielsweise irgend welche Wirklichkeitsvorstellungen, die naturgegeben ein Wahn sind, unabhängig von den jeweiligen und wandelbaren ideologischen Strömungen in einer Gesellschaft, einem Sozialverband?

Wer einen vorurteilsfreien Blick hat, erkennt sehr schnell, um was es hier geht: Macht!

Was tun?

Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass die Psychiatrie erhebliche Kosten verursacht. Es sollte einleuchten, dass man erheblich mehr Menschen helfen könnte, wenn man die Kosten pro Hilfsbedürftigem senken würde. Medizinische Hilfen sind bekanntlich sehr kostspielig. Dies liegt nicht nur an den beachtlichen Einkommen von Ärzten, aber auch.

Da es bei den so genannten psychischen Krankheiten um soziale Devianz handelt, sind in diesem Bereich auch keine medizinischen Dienstleistungen erforderlich. Es gibt jede Menge Studien, die zeigen, dass Menschen, die als psychisch krank diskriminiert werden und die hilfsbedürftig sind, von nicht oder semi-professionellen Helfern zumindest genauso gut, wenn nicht besser geholfen werden kann.

Wenn also Menschen, die in bestimmter Weise von sozialen Normen abweichen, nicht mehr als Kranke behandelt würden, wenn also das kostspielige medizinische System nicht mehr zuständig wäre, dann würde sich dies unmittelbar zum Vorteil der Betroffenen auswirken, denn für diese stünde dann mehr Geld zur Verfügung, ohne dass die öffentliche Hand dafür mehr verausgaben müsste. Es würde dann einfach nicht mehr so viel Geld ineffektiv verpulvert.

Außerdem sollte man Hilfe niemandem aufzwingen. Rund 110.000 Zwangseinweisungen pro Jahr - das kostet ja auch. Warum lässt man dieses Geld nicht jenen zugute kommen, die gern Hilfe hätten? Warum "beglückt" man Menschen mit dieser "Hilfe", die sie gar nicht wollen? Wollten sie diese, dann müsste man sie ja auch nicht zwangseinweisen, zwangsbehandeln oder betreuen.

Ich habe u. a. viele Jahre in der so genannten Suchtkrankenhilfe gearbeitet. Und ich weiß genau, dass man dort der doppelten Zahl von Menschen fürs selbe Geld besser helfen könnte, wenn man sich dort vom Krankheitsbegriff mit all seinen unheilvollen Konsequenzen verabschieden würde. Was du in deinem Eifer schlicht und ergreifend übersehen scheinst, ist, dass man das Problem ganzheitlich betrachten muss, und sich nicht nur auf persönliche Erfahrungen in einem einzelnen Fall versteifen darf.

Man sollte doch mal Klartext reden: Es geht um Macht, es geht um Geld. Das ist doch nichts Neues, oder?
Schön wär's aber schon, wenn man dabei die Betroffenen nicht völlig vergessen würde (betroffen sind auch die, die Steuern zahlen und Versicherungsbeiträge).

PS: Klar, jetzt kommt bestimmt einer und quakt: Aber ohne Zwangseinweisung kommen die doch in den Knast, siehe Amerika. Erstens sind die deutschen Knäste ebenfalls voll mit Leuten, die nach den Kriterien der Psychiatrie psychisch krank sind. Dies wurde unlängst durch eine größere psychiatrische Studie festgestellt. Zweitens haben die Insassen von Knästen mehr Rechte als die Sklaven in der Zwangspsychiatrie. Drittens müsste das alles nicht sein, wenn die Gesellschaft bezahlbare und effektive Formen des Umgangs mit sozialer Devianz entwickeln würde. Der erste Schritt dorthin bestünde darin, sich vom Konzept der "psychischen Krankheit" zu verabschieden.